Autor Thema: Femizid  (Gelesen 418 mal)

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Offline Yossarian

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Femizid
« am: 10. April 2026, 17:23:01 »
Alle reden von Femizid, und das ist ja auch richtig so, wenn der Begriff richtig angewandt wird.
Wir fragen uns also: Watt is en Dampfmaschien?
Gar nicht so einfach, wie es scheint.

Eine randomisierte Umfrage zum Thema unter zufällig von mir ausgewählten Personen zu folgenden Fragen führte zu chaotischen Antworten, ohne eine Tendenz erkennen zu lassen.

Einwurf von mir in einem Motorradforum, Unterforum Humor (ein User hatte sich gerade über einen lahmen, alten Witz beschwert, der angeblich frauenfendlich sei). Ob es denn auch Femizid sei, wenn eine Frau von einer Frau getötet wird. Einer schrie sofort, nein, das sei kein Femizid, sondern Mord. Der Rest tat so, als hätte er das nicht gelesen.

Die Meinung meiner nicht randomisierten Freundin (ich habe halt nur die eine, zum Glück), war dann schon ein Versuch, das differenzierter zu bearbeiten.

Entsprechend möchte ich die Frage differenzierter zur Diskussion stellen.

1. Eine Frau tötet eine andere Frau. Femizid?
2. Eine lesbische Frau in einer lesbischen Beziehung tötet ihre Partnerin. Femizid?
3. Eine heterosexuelle Frau tötet ihre Nebenbuhlerin. Beide lieben den selben Mann. Femizid?
"I came to a point where I needed solitude and just stop the machine of thinking and enjoying what they call living, I just wanted to lie in the grass and look at the clouds."

— Jack Kerouac

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Offline schnorchel

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Re: Femizid
« Antwort #1 am: 10. April 2026, 18:28:37 »
Ich denke, Femizid ist es, wenn eine Frau getötet wird, WEIL sie eine FRAU ist – unabhängig von irgendwelchen Umständen.

Offline DieFrau

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Re: Femizid
« Antwort #2 am: 10. April 2026, 23:15:47 »
Ich denke, Femizid ist es, wenn eine Frau getötet wird, WEIL sie eine FRAU ist – unabhängig von irgendwelchen Umständen.

Der Definition stimme ich zu. Aber fällt das nicht unter einer extremen Form der Diskriminierung oder deren mögliche Folgen?
Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Geist ein treuer Diener.
Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat!...Einstein

Offline Mattieu

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Re: Femizid
« Antwort #3 am: 11. April 2026, 16:02:41 »
Wie im Wiki-Artikel erwähnt, spielt der patriarchale Kontext eine Rolle. Den sehe in den drei Fällen nicht gegeben. Daher von mir dreimal nein.
Scheiße ist, wenn der Furz was wiegt.

Offline Conte

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Re: Femizid
« Antwort #4 am: 12. April 2026, 13:05:52 »
Der Definition stimme ich zu. Aber fällt das nicht unter einer extremen Form der Diskriminierung oder deren mögliche Folgen?
Ganz sicher ist es eine extreme Form der Diskriminierung, jemanden umzubringen. In solchen Fällen nennt man die extreme Form der Diskriminierung Femizid.

Der Definition stimme ich auch zu, sehe aber auch noch offene Fragen. Denn auch ein Mann, der im Kontext der Diskiminierung von Frauen eine Frau tötet, kann ja unterschiedliche Bedürfnisse haben. Der rasende Eifersuchtstäter hat wahrscheinlich nur selten die Verteidigung patriarchalischer Strukturen im Auge, und der Ehrenmörder an seiner Schwester denkt gar nicht so sehr an sein Opfer als Frau, sondern an seine Stellung als Ehrenmann gegenüber anderen Männern.
Auch mit dem Framing "Patriarchat" fremdele ich zuweilen etwas, denn die Täter sind ja sehr oft (oder fast immer?) junge Männer, und eben nicht die Väter.
Wenn Nazis nicht Nazis genannt werden wollen, dann wissen sogar Nazis, dass Nazis Scheiße sind.

Offline DieFrau

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Re: Femizid
« Antwort #5 am: 17. April 2026, 10:23:35 »
Ganz sicher ist es eine extreme Form der Diskriminierung, jemanden umzubringen. In solchen Fällen nennt man die extreme Form der Diskriminierung Femizid.

Der Definition stimme ich auch zu, sehe aber auch noch offene Fragen. Denn auch ein Mann, der im Kontext der Diskiminierung von Frauen eine Frau tötet, kann ja unterschiedliche Bedürfnisse haben. Der rasende Eifersuchtstäter hat wahrscheinlich nur selten die Verteidigung patriarchalischer Strukturen im Auge, und der Ehrenmörder an seiner Schwester denkt gar nicht so sehr an sein Opfer als Frau, sondern an seine Stellung als Ehrenmann gegenüber anderen Männern.
Auch mit dem Framing "Patriarchat" fremdele ich zuweilen etwas, denn die Täter sind ja sehr oft (oder fast immer?) junge Männer, und eben nicht die Väter.

Noch komplizierter wird es bei den "jungen" Ehrenmörder, wenn die Väter und/oder die Mütter dahinter stecken und es vortreiben.
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Offline Firster

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Re: Femizid
« Antwort #6 am: 22. April 2026, 20:26:56 »

Die Meinung meiner nicht randomisierten Freundin (ich habe halt nur die eine, zum Glück), war dann schon ein Versuch, das differenzierter zu bearbeiten.

Entsprechend möchte ich die Frage differenzierter zur Diskussion stellen.

1. Eine Frau tötet eine andere Frau. Femizid?
2. Eine lesbische Frau in einer lesbischen Beziehung tötet ihre Partnerin. Femizid?
3. Eine heterosexuelle Frau tötet ihre Nebenbuhlerin. Beide lieben den selben Mann. Femizid?
Mir schwirrt dazu so einiges im Kopf. Werde dazu demnächst mal meine Meinung abgeben. Vorher allerdings eine Rückfrage: " Wo mein lieber Yossarian, ist dein Beitrag dazu?
Kann man von einem Threadersteller nicht ebenfalls ein Statement erwarten? Oder anders gefragt: "Wie stehst du dazu?"
Denken ist wie Googeln, nur krasser.

Offline Conte

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Re: Femizid
« Antwort #7 am: 23. April 2026, 05:27:59 »
Mir schwirrt dazu so einiges im Kopf.
Daran zweifelt hier niemand.

Zitat
Werde dazu demnächst mal meine Meinung abgeben.

Muss das sein?

Zitat
Vorher allerdings eine Rückfrage: " Wo mein lieber Yossarian, ist dein Beitrag dazu?
Kann man von einem Threadersteller nicht ebenfalls ein Statement erwarten? Oder anders gefragt: "Wie stehst du dazu?"
Mann kann auch Fragen stellen, ohne eine Antwort parat zu haben. Genau genommen ist dass sogar der ursprüngliche Sinn des Fragens.
Wenn Nazis nicht Nazis genannt werden wollen, dann wissen sogar Nazis, dass Nazis Scheiße sind.

Offline Yossarian

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Re: Femizid
« Antwort #8 am: 24. April 2026, 09:17:18 »
Mann kann auch Fragen stellen, ohne eine Antwort parat zu haben. Genau genommen ist dass sogar der ursprüngliche Sinn des Fragens.

Danke. Es scheint, als müßte Offensichtliches immer wieder noch einmal laut ausgesprochen werden.

Kann man von einem Threadersteller nicht ebenfalls ein Statement erwarten? Oder anders gefragt: "Wie stehst du dazu?"

Das Thema ist komplex, und außerdem leide ich an einer anerkannten Behinderung, die mir eine Einschätzung deutlich erschwert: Ich bin Jurist.

Was mir zu der Frage im Kopf rumschwirrt, ist dem sogenannten gesunden Menschenverstand manchmal schwer zu vermitteln.
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Offline schnorchel

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Re: Femizid
« Antwort #9 am: 24. April 2026, 13:56:50 »
Danke. Es scheint, als müßte Offensichtliches immer wieder noch einmal laut ausgesprochen werden.

Ja, dem ist meiner Beobachtung nach so. Nicht jeder bekommt alles mit, und von Nichtanwesenden respektive Nachgeborenen wird gerne erwartet, auch um vor ihrer Geburt Ausgesprochenes selbstverständlich zu wissen, egal wie belanglos.

Was mir zu der Frage im Kopf rumschwirrt, ist dem sogenannten gesunden Menschenverstand manchmal schwer zu vermitteln.

"Der gesunde Menschenverstand ist die bestverteilte Sache der Welt, denn jedermann meint, damit ausreichend versehen zu sein."  (frei nach René Descartes)

"Man hat den Verstand verloren, wenn man nicht mehr hofft, bei andern welchen zu finden."
Und
"Wir trauen fast niemand gesunden Menschenverstand zu als dem, der unserer Meinung ist."
(beide von François VI. Herzog de La Rochefoucauld)​

Offline Kulle

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Re: Femizid
« Antwort #10 am: Gestern um 18:50:50 »
Ich habe lange gehadert darauf zu antworten.

Aus meiner Betrachtung ist ein Femizid ein Mord an einer Frau weil sie eine hetero Frau, ist verübt von einer "nicht Frau". Also üblich ein hetero Mann.
Demzufolge würde ich zu den 3 Punkten:

1. Eine Frau tötet eine andere Frau. Femizid?
2. Eine lesbische Frau in einer lesbischen Beziehung tötet ihre Partnerin. Femizid?
3. Eine heterosexuelle Frau tötet ihre Nebenbuhlerin. Beide lieben den selben Mann. Femizid?
für nein stimmen.

Punkt 2 ist etwas schwierig für mich da ich mich nicht detailiert mit Homosexualität auskenne. Ich habe den Eindruck dass in vielen homosexuellen Beziehungen einer der beiden Partner eher den Frau-Part und der andere den Mann-Part übernimmt. Ob mein Eindruck so stimmt? Wenn dann der "Mann-Part" den "Frau-Part" tötet, obwohl es keine hetero sind, könnte das als Femizit betrachtet werden.

Offline Firster

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Re: Femizid
« Antwort #11 am: Gestern um 21:07:11 »
Das Thema ist komplex, und außerdem leide ich an einer anerkannten Behinderung, die mir eine Einschätzung deutlich erschwert: Ich bin Jurist.
So komplex ist das Thema gar nicht, man macht es nur dazu und einige hängen sich dran.
Heißt, du als Jurist kannst dir hier keine Meinung erlauben, weil...? Dieses Denken ist übersteigert. Alle anderen können es ja auch.
Was mir zu der Frage im Kopf rumschwirrt, ist dem sogenannten gesunden Menschenverstand manchmal schwer zu vermitteln.
Arroganz ist ein Charakterfehler, keine Frage des Niveau.

1. Eine Frau tötet eine andere Frau. Femizid?
2. Eine lesbische Frau in einer lesbischen Beziehung tötet ihre Partnerin. Femizid?
3. Eine heterosexuelle Frau tötet ihre Nebenbuhlerin. Beide lieben den selben Mann. Femizid?
1. Welches Motiv liegt vor?
2. Dito!
3. Eine Frau tötet eine Frau. Motiv: Eifersucht / Konkurrenz um denselben Mann. Das wird normalerweise als Beziehungstat oder Tötungsdelikt aus Eifersucht eingeordnet, nicht als Femizid, weil das Opfer nicht wegen ihres Frauseins getötet wird, sondern aus einer persönlichen Konfliktsituation heraus.
In der Forschung werden allerdings auch Grauzonen diskutiert. z.B. Wird die Rivalin als "Bedrohung" im Kontext als Besitzdenken über den Mann gesehen?
Trotzdem bleibt die gängige juristische und kriminologische Einordnung: Kein Femizid, sondern ein Tötungsdelikt aus persönlichem Motiv / Eifersucht.
Als Jurist sind diese Fragen unterirdisch.

Nicht jeder Mord an einer Frau ist automatisch ein Femizid.
Der Begriff beschreibt gesellschaftliche Macht- und Gewaltstrukturen als nur eine einzelne Tat. Deshalb wird er in der Forschung meist auf Fälle angewendet, in denen geschlechtsspezifische Gewalt/Motive gegen Frauen sichtbar werden. Was hier auch einige erkannt haben. Dementsprechend ist es egal, welches Geschlecht der Täter hat.

Ich habe zusätzlich mal ein paar Nachforschungen betrieben, weil`s Interesse geweckt hat. Regt zum Nachdenken an, finde ich. Daten sind aus dem Jahr 2024.
In Deutschland gibt es den Tatbestand des Femizid nicht. Er wird jedoch von dem Medien breitgetreten.
Grundsätzlich, da sind wir uns wohl einig, ist der männliche Part gewalttätiger.
Der Anteil von Gewalt geht zu 70 % von Männern aus, aber auch Frauen üben Gewalt aus, - gegen Männer.
Es gibt es 378 Frauenhäuser, dagegen 12 -15 spezialisierte Männerschutzeinrichtungen mit insgesamt 50 Plätzen in gesamt DE.
126 Männer konnten aufgenommen werden, 256 mussten abgewiesen werden, da kein Platz vorhanden war.
In 61 % der Fälle kommt die Gewalt von Frauen aus Partnerschaften. Das heißt: Gewalt von Frauen gegen Männer ist klar messbar. Das Problem ist das Dunkelfeld.

Es gibt ca. 85. Millionen Einwohner in Deutschland. 2024 gab es 132 klare Femizide an Frauen. Die Femizide machen einen prozentualen Anteil von 0,00024 % auf die Gesamtbevölkerung aus. Aufgeteilt nach kultureller Abstammung habe ich diese nicht.
Deutschland hat pro Jahr ca. 700 - 1000 Tötungsdelikte insgesamt. 200 - 500 Fälle bei denen Alkohol eine Rolle spielt. Insgesamt gibt es 3,9 Millionen Menschen in DE mit einer Alkoholstörung. Auch hier sind 2/3 Männer.
Ja, es wird dagegen etwas getan, jedoch wird es nicht so breitgetreten, wie zur Zeit das Femizid Thema. Ich hätte nichts dagegen, wenn auch diese 3,9 Millionen Menschen wesentlich mehr Beachtung geschenkt bekämen.

Die Dunkelziffern sind in allen Bereichen unterschätzt.

Ich frage mich persönlich, warum eine so geringe Anzahl, eine so große Debatte auslöst.
Nichtsdestotrotz: Jede/r Tote ist einer zu viel.
Da die Problematik an ganz anderer Stelle beginnt, frage ich mich, warum wird nicht dort angesetzt?
Kindheit, Bildung, in der Gesellschaft. Sprich, an der Wurzel angesetzt, um Menschen beizubringen, das man Gefühle steuern kann, Konflikte lösen und Beziehungen tragbarer werden als sie es sind.



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