Autor Thema: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo  (Gelesen 606 mal)

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Offline KleinUndNervig

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Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« am: 14. April 2019, 11:56:54 »
Eigentlich ist das hier keine Frage, sondern mehr ein Versuch im therapeutischen Schreiben. Bitte um Verzeihung! Wenn es hier nicht reinpasst, gerne löschen!

Letzte Woche war sie plötzlich in meiner Selbsthilfegruppe. Ich hatte schon am Telefon das Gefühl, dass sie leidet und irgendwas sucht. Sie war so besonders über-freundlich, dass es mir aufgefallen ist. Als sie dann zu dem Treffen kam, fielen mir geradezu die Augen aus. Sie hat ihre Haare rot gefärbt und zielt auf maximale Auffälligkeit, vom Lippenstift bis zur Wahl der Hotpants. Dazu waren ihre Fingerkuppen noch vergilbt vom Rauchen. Erster Eindruck: Was will sie hier, die passt hier ganz sicher nicht rein!

Ich war ganz aufgeregt, weil das erst unser zweites Gruppentreffen war und ich hab noch versucht, uns einen Tee zu machen, während die anderen drumherum standen und nicht so recht wussten, was sie tun sollten. Ich hab sie schon mal in den Gruppenraum geführt, weil ich mir echt dumm vorkomme, wenn sie alle auf mich schauen, während ich da rumwerkel. Besagtes Mädchen kam mir dann zu Hilfe und hat beim Tragen der Tassen geholfen.

Das Gruppentreffen selber hat einiges freigelegt. Wir haben über alles gesprochen, über was man so sprechen kann. Mütter, die versuchen ihre Kinder zu vergiften, Väter, die gewalttätig sind, Heroinabhängigkeit, Suizidversuche und der verzweifelte Versuch, sich mit Anfang zwanzig zu sozialisieren, wo es als Kind und Teenager nicht geklappt hat. Manch einer würde von den Themen abgeschreckt sein. Wir hatten aber alle das Gefühl, dass es ein Segen ist, so offen und ohne Bewertung über diese Themen sprechen zu können. So war das Feedback am Ende der Runde. Ich ging nach Hause mit dem intensiven Gefühl, geliebt zu sein. So fühlt es sich an, wenn man am richtigen Ort zur richtigen Zeit ist. Jetzt hab ich massive Motivation, diese Gruppe voranzubringen!

Dem Mädchen muss es während des Gruppentreffens aufgefallen sein, dass ich sie immer mal so angeschaut hab. Ich fühle mich ganz klar zu ihr hingezogen! Am Wochenende nach dem Treffen habe ich sie deswegen mal angeschrieben. Und da schau her, sie war regelrecht begeistert davon, dass ich mich melde und hat gleich selber vorgeschlagen, dass wir uns mal treffen. Ich konnte es kaum fassen! Nicht nur hat sie prompt reagiert, sie hat sogar das Treffen mit ihren Freunden abgesagt, um sich mit mir zu treffen. Sie meinte, sie hatte einen Energieschub nach dem Gruppentreffen und genauso ging es mir auch. Also haben wir uns zu einem Waldspaziergang verabredet.

Das Treffen verging wie im Flug, ich hatte kein Gefühl für Zeit, während wir zusammen waren. Das war fast wie unser Gruppentreffen. Ich hab mich beschwingt gefühlt und bin erfüllt nach Hause gegangen.

Es ist allerdings auch hängengeblieben, dass unsere Werte und Zukunftsvorstellungen, genau wie eigentlich alles andere total entgegengesetzt sind. Es könnte fast nicht unterschiedlicher sein. Ich gehe seit einem Jahr wieder regelmäßig in die Kirche und lese in religiösen Schriften, d.h. die Bibel und andere. Meine Vorstellung von der Zukunft ist altmodisch und konservativ. Ich bin sogar inzwischen von der Idee überzeugt, dass kein Sex vor der Ehe das richtige ist, für mich zumindest.

Sie hingegen ist nihilistisch, sie glaubt an die Erlösung in der Nicht-Existenz. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie mit 27 sterben wird und dass sie eine Reinkarnation von Kurt Cobain ist. Ihre Musik, ihre Musik und wie sie sich ausdrückt, es handelt alles von der Schlechtigkeit der Menschen, vom Leid und dem Bedürfnis, sich zu rächen.

Nicht gerade eine gute Voraussetzung, wenn man sich jetzt denkt, dass wir zusammen kommen könnten. Vielleicht sollten wir das aber gar nicht. Sondern weiter im Sinne der Selbsthilfe zusammen kommen und der Idee, dass wir befreundet sind und uns gegenseitig helfen. Schließlich haben wir auch jede Menge gemeinsam!

Jetzt habe ich mich erstmal eine Woche von ihr ferngehalten. Sie hat mir ab und zu mal geschrieben und ich hab sie jedes Mal mehr oder weniger abgewimmelt. Ich hab registriert, dass sie an Kontakt interessiert ist und fühle mich damit überfordert. Ich bin ja auch kaputt und komplett irre. Vielleicht ist es irrational, wenn man darüber nachdenkt, weil ich sie extrem vermisse!

Die Frage ist: Was ist in dieser Situation rational? Gibt es das überhaupt? Kann jemand, der an nichts glaubt, etwas anderes als Leid bringen? Kann mein Glaube mir helfen, ihr zu begegnen und nicht in den gleichen Strudel zu geraten? Ist es vielleicht sogar möglich, dass wir einen positiven Einfluss aufeinander haben?

Offline Yossarian

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #1 am: 14. April 2019, 21:11:44 »
Was ist das für eine Selbsthilfegruppe?

Kann jemand, der an nichts glaubt, etwas anderes als Leid bringen?

Aber Hallo! Bitte nicht so hochmütig mit Deinem bißchen Glauben!

Zitat
Kann mein Glaube mir helfen, ihr zu begegnen und nicht in den gleichen Strudel zu geraten?

Mal andersrum gefragt: Fürchtest Du, daß Dein Glaube (oder gar Deine Religion) so schwach ist, daß Du da in Gefahr bist?

Zitat
Ist es vielleicht sogar möglich, dass wir einen positiven Einfluss aufeinander haben?

Das will ich wohl meinen.

Für Detailfragen wendest Du Dich an unsere selbsternannte Religionsbeauftragte, Frau Simplemachine.  :evil

Und was willst Du jetzt von der Frau?
"I came to a point where I needed solitude and just stop the machine of thinking and enjoying what they call living, I just wanted to lie in the grass and look at the clouds."

— Jack Kerouac

Offline Kulle

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #2 am: 14. April 2019, 21:30:05 »
Die ganze Geschichte liest sich, wie der Typ der aus seinen Glauben heraus die Menschen auf der verbotenen Insel missionieren wollte und kurz einfach per Pfeil erschossen wurde. Punkt!

Offline Yossarian

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #3 am: 14. April 2019, 21:36:29 »
Bis jetzt hat er hier noch keinen zu missionieren versucht.
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Offline Kulle

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #4 am: 14. April 2019, 21:41:03 »
Die Geschichte ist wohl eher Fiktion, aber darin denkt er das Mädchen zu missionieren und wird an ihrer absoluten Einstellung zu grunde gehen.

Offline Yossarian

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #5 am: 14. April 2019, 21:45:52 »
Warten wir seine Fortsetzung ab.
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Offline Nikibo

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #6 am: 15. April 2019, 03:09:25 »
Du hast als Betroffener eine Selbsthilfegruppe gegründet und leitest diese? Verstehe ich das richtig? Oder bist Du nur Teilnehmer? Oder nur Leiter dieser Gruppe?

Als Teilnehmer oder Leiter einer Selbsthilfegruppe mit der genannten Thematik sich mit einem anderen Menschen aus der Gruppe zusammenzutun, der neben der Gruppenthematik auch noch massive andere Probleme (Reinkarnation, früher Tod, Rachegedanken) hat, halte ich, gelinde gesagt, für sehr schwierig.

Ich würde das Motto hier auch beherzigen: Never fuck in the same company! Vor allem dann, wenn ich der Gründer wäre und womöglich dazu auch noch selbst betroffen.

Und außerdem wäre es mit 27 ja eh schon vorbei.
Hat mal einer die Telefonnummer von Schneewittchens Stiefmutter? Ich brauche dringend ein paar Äpfel!

Offline KleinUndNervig

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #7 am: 15. April 2019, 06:47:11 »
Was ist das für eine Selbsthilfegruppe?

Das würde ich lieber nicht sagen, außer dieser Faden wird in einen von google nicht erfassten Bereich verschoben.

Aber Hallo! Bitte nicht so hochmütig mit Deinem bißchen Glauben!

Vielleicht hast du Recht. Ich will nur nicht naiv sein, was das ganze betrifft.

Mal andersrum gefragt: Fürchtest Du, daß Dein Glaube (oder gar Deine Religion) so schwach ist, daß Du da in Gefahr bist?

Möglicherweise schon.

Und was willst Du jetzt von der Frau?

Gute Frage! Das fragt sie sich vielleicht auch  ;D Ich denke, ich brauche einfach Gesellschaft und gute Gespräche, Leute mit denen ich mich treffen und über echte Themen unterhalten kann. Also Freunde. Ich bin viel zu viel alleine. Vor allem gute Gespräche sind es, die mich von zu viel Computerspielen oder Fernsehen abhalten und dass ich neben meiner Arbeit überhaupt noch was habe, was mich zum Leben motiviert.

Offline KleinUndNervig

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #8 am: 15. April 2019, 06:52:58 »
Du hast als Betroffener eine Selbsthilfegruppe gegründet und leitest diese? Verstehe ich das richtig? Oder bist Du nur Teilnehmer? Oder nur Leiter dieser Gruppe?

Ich bin sowohl Gründer, als auch Leiter, als auch Betroffener. Alles richtig.

Als Teilnehmer oder Leiter einer Selbsthilfegruppe mit der genannten Thematik sich mit einem anderen Menschen aus der Gruppe zusammenzutun, der neben der Gruppenthematik auch noch massive andere Probleme (Reinkarnation, früher Tod, Rachegedanken) hat, halte ich, gelinde gesagt, für sehr schwierig.


Da sagst du was  ;D

Ich würde das Motto hier auch beherzigen: Never fuck in the same company! Vor allem dann, wenn ich der Gründer wäre und womöglich dazu auch noch selbst betroffen.

Ich leite eine Gruppe dieser Art schon seit über einem Jahr und hab genau das bisher auch beherzigt. Also hab niemanden privat kontaktiert, außer wir kannten uns schon wirklich lange und ich war mir sicher, dass es ok ist.

Dass ich dieses Mal anders agiert hab, liegt denke ich darin, dass ich gerade in einer neuen Stadt und recht alleine bin.

Und außerdem wäre es mit 27 ja eh schon vorbei.

Ja...

Offline KleinUndNervig

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #9 am: 15. April 2019, 07:13:02 »
Möglicherweise schon.

Bevor mir das als Schwäche ausgelegt wird, will ich das erklären. Das soll bedeuten, dass ich mich bisher nicht als Christ bezeichne und auch nicht so im Glauben verankert bin. Wenn ich in die Kirche gehe, dann mit dem vorrangigen Ziel Gemeinschaft zu haben. Das heißt aber nicht, dass ich nicht glaube, dass es da ein paar fundamentale Wahrheiten zu entdecken gibt. Ich meine dass es universelle Regeln gibt, wie man sein Leben lebt, damit man zu etwas gutem und lebenswerten kommt. Für mich ist die oberste Regel zu sagen, was wahr ist. Zumindest, nicht zu lügen. Dann und nur dann kann das Leben wirklich besser werden. Zweite Regel ist es, anderen zu dienen. Leute, die mich nicht kennen, haben gemeint, dass ich einen Helferkomplex habe. Ich sehe das nicht so. Ich kann hartherzig sein, wenn es um das Leid anderer geht. Das heißt nicht, dass ich nicht mitfühlend bin. Ich zeige nur keine naive Reaktion von wegen “Ach, das tut mir Leid” mit so einem hilflosen Unterton. Und ich will auch nicht, dass andere das bei mir machen *kotz* Zuhören und einfach da sein ist die Währung!

Offline Yossarian

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #10 am: 15. April 2019, 09:50:18 »
Bevor mir das als Schwäche ausgelegt wird

Das wird nicht passieren.

Zweifel sind allemal besser als ignorant verbohrte "Gewissheit".
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— Jack Kerouac

Offline KleinUndNervig

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #11 am: 15. April 2019, 18:14:31 »
Das wird nicht passieren.

Zweifel sind allemal besser als ignorant verbohrte "Gewissheit".

In dem Fall vergiss das obige Geschwafel  ;D

Offline KleinUndNervig

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #12 am: 15. April 2019, 18:27:16 »
Warten wir seine Fortsetzung ab.

Echt jetzt? Habt ihr euch alle Popcorn geholt?

Wir haben gerade ein paar sehr warmherzige Sprachnachrichten ausgetauscht. Sie fliegt morgen mit einem Kumpel in den Urlaub. Ansonsten erzählt sie auch mal von ihren Dates. Mir macht es nichts aus. Ich will einfach gerne so mit ihr reden. Sie behandelt mich bisher liebevoll und mit viel Respekt. Also auf eine freundschaftlich liebevolle Art. Solange das anhält ist mir egal, mit wem sie sonst noch abhängt. So kann das glaube ich funktionieren mit Freundschaft :)

Offline Yossarian

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Re: Das Mädchen mit dem Antifa Tattoo
« Antwort #13 am: 15. April 2019, 20:15:42 »
Echt jetzt? Habt ihr euch alle Popcorn geholt?

Und Bier.  8)
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