Autor Thema: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...  (Gelesen 43487 mal)

0 Mitglieder und 3 Gäste betrachten dieses Thema.

Offline simplemachine

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 887
  • Geschlecht: Männlich
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #495 am: 16. Juni 2019, 17:23:21 »
Dostojewski's "Wenn Gott nicht existiert, dann ist alles erlaubt (Brüder Karamasow)" wird von Leuten wie Pinker vehement widersprochen.

Pinker hat allerdings auf die Frage, woher denn unsere moralischen Werte kommen, als Alternative auch nicht viel anzubieten, wenn er in dem verlinkten Interview angibt:

"sie entstammen schlichtweg der biologischen Veranlagung rationaler, sozialer Akteure, die alle ihr Wohlbefinden anstreben. Wenn ein Lebewesen sozial und kommunikativ ist, dann wird es alle seine Mitwesen dazu anhalten, ihm nicht zu schaden. Und sobald es das tut, ist es dazu verpflichtet, seinerseits keinen Schaden anzurichten."

Dass Menschen ihr eigenes Wohlbefinden auch gerne mal mit dem Recht des Stärkeren und auf Kosten anderer durchsetzen, scheint ihm wohl noch nicht aufgefallen zu sein. Sein ich bin lieb zu allen und dann sind auch alle lieb zu mir Ansatz kommt mir doch ziemlich naiv daher.

Überhaupt beantwortet gesellschaftskonformes Verhalten noch nicht die Frage, wie die Gesellschaft überhaupt beschaffen sein soll. Was sagt denn so eine biologische Veranlagung beispielhaft zu Todesstrafe, Abtreibung, Klonen von Menschen und Ehemonogamie. Zumindest letztere enspringt ja wohl gerade eher nicht der (männlichen) Natur, diesbezüglich präferiert die Natur eher Erbgutsstreuung mittels unterschiedlicher Weibchen. Die Moral ist doch überhaupt eher Korrektiv für das bloßen Handeln gemäß natürlicher Veranlagung. Ein Moralbegriff, der eine Gleichsetzung mit bloßen biologischen (An-)Trieben mit sich bringt, erscheint daher sinnentleert.
« Letzte Änderung: 16. Juni 2019, 17:33:01 von simplemachine »

Offline Jonas1989

  • Neuling
  • *
  • Beiträge: 21
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #496 am: 18. Juni 2019, 09:34:46 »
Also bis ich glaube ich 12 oder 13 war, war ich streng gläubig dann habe ich das Internet für mich entdeckt ^^
Interessante Selbstgespräche setzen einen klugen Partner voraus -Herbert George Wells

Offline maxim

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 1.576
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #497 am: 18. Juni 2019, 13:25:53 »
Pinker hat allerdings auf die Frage, woher denn unsere moralischen Werte kommen, als Alternative auch nicht viel anzubieten, wenn er in dem verlinkten Interview angibt:

"sie entstammen schlichtweg der biologischen Veranlagung rationaler, sozialer Akteure, die alle ihr Wohlbefinden anstreben. Wenn ein Lebewesen sozial und kommunikativ ist, dann wird es alle seine Mitwesen dazu anhalten, ihm nicht zu schaden. Und sobald es das tut, ist es dazu verpflichtet, seinerseits keinen Schaden anzurichten."

Dass Menschen ihr eigenes Wohlbefinden auch gerne mal mit dem Recht des Stärkeren und auf Kosten anderer durchsetzen, scheint ihm wohl noch nicht aufgefallen zu sein. Sein ich bin lieb zu allen und dann sind auch alle lieb zu mir Ansatz kommt mir doch ziemlich naiv daher.

Daher die Einschränkung "wenn ein Lebewesen sozial und kommunikativ ist ...". Der Egomane, der sich auf Kosten anderer durchsetzt, ist dann nicht sozial oder nicht kommunikativ. Nur: so what, dann ist er es eben nicht. Erlaubt ist dann eben doch alles, er sollte sich nur nicht erwischen lassen.
Mit seinem  evolutionstheoretischem Ansatz ist dann nur bewiesen, dass wir überwiegend abstammen von Menschen, die sich gerne an moralische Normen hielten, aber eben nicht zu 100 %, denn es gibt ja asoziale Individuen.

wer für alles offen ist, ist nicht mehr ganz dicht

Offline maxim

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 1.576
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #498 am: 18. Juni 2019, 13:52:36 »
Sein ich bin lieb zu allen und dann sind auch alle lieb zu mir Ansatz kommt mir doch ziemlich naiv daher.
Ein solcher Ansatz kann auch a posteriori nicht bestätigt werden. Es gleicht dann eher dem Beutetier, das seinen Hals dem Raubtier zum zubeißen anbietet.

Zitat
Die Moral ist doch überhaupt eher Korrektiv für das bloßen Handeln gemäß natürlicher Veranlagung. Ein Moralbegriff, der eine Gleichsetzung mit bloßen biologischen (An-)Trieben mit sich bringt, erscheint daher sinnentleert.
Wenn allerdings Gefühle im Spiel sind (Scham, Stolz etc.), scheint doch auch das natürliche Design (Veranlagung) eine nicht unwichtige Rolle zu spielen. Dann gibt es also auch ein moralisches Skelett.
wer für alles offen ist, ist nicht mehr ganz dicht

Offline simplemachine

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 887
  • Geschlecht: Männlich
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #499 am: 23. Juni 2019, 02:21:30 »
Erlaubt ist dann eben doch alles, er sollte sich nur nicht erwischen lassen.

Sich möglichst nicht erwischen zu lassen, ist keine Moral. Und wenn das Erwischtwerden negativ für den Täter ist, dann existiert offenbar ein Verbot, so dass eben gerade nicht alles erlaubt ist. 

Mit seinem  evolutionstheoretischem Ansatz ist dann nur bewiesen, dass wir überwiegend abstammen von Menschen, die sich gerne an moralische Normen hielten, aber eben nicht zu 100 %, denn es gibt ja asoziale Individuen.

Das erklärt keine Kriege. Oder sind da alle beteiligten Völker asoziale Individuen.

Wenn allerdings Gefühle im Spiel sind (Scham, Stolz etc.), scheint doch auch das natürliche Design (Veranlagung) eine nicht unwichtige Rolle zu spielen. Dann gibt es also auch ein moralisches Skelett.

Hier werden Ursache und Wirkung verwechselt. Wenn ein Gefühl der Scham sich regt, ist das überhaupt erst Ausdruck einer vorher verinnerlichten Moral. Anders gesagt: die Moral macht die Scham nicht die Scham die Moral. Morallose Lebewesen schämen sich nicht.

Online Yossarian

  • Supermann
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 12.522
  • Geschlecht: Männlich
  • alter Sack
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #500 am: 23. Juni 2019, 16:05:18 »
die Moral macht die Scham nicht die Scham die Moral.

Völlig richtig.

Zitat
Morallose Lebewesen schämen sich nicht.

Nicht völlig falsch.
"I came to a point where I needed solitude and just stop the machine of thinking and enjoying what they call living, I just wanted to lie in the grass and look at the clouds."

— Jack Kerouac

Offline maxim

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 1.576
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #501 am: 23. Juni 2019, 16:24:11 »
Sich möglichst nicht erwischen zu lassen, ist keine Moral. Und wenn das Erwischtwerden negativ für den Täter ist, dann existiert offenbar ein Verbot, so dass eben gerade nicht alles erlaubt ist. 

Das erklärt keine Kriege. Oder sind da alle beteiligten Völker asoziale Individuen.
In The Moral Instinct erklärt Pinker seinen evolutionspsychologischen Ansatz ausführlicher.

Zitat
Hier werden Ursache und Wirkung verwechselt. Wenn ein Gefühl der Scham sich regt, ist das überhaupt erst Ausdruck einer vorher verinnerlichten Moral. Anders gesagt: die Moral macht die Scham nicht die Scham die Moral. Morallose Lebewesen schämen sich nicht.

In diesem Zusammenhang kommt man mit Monokausalismen nicht weiter. Scham und Moral stehen in Relation bedingen sich aber nicht.
Es gibt sowas wie ein moralisches Skelett ebenso wie es ein sprachliches Skelett gibt. Die konkrete Realisierung der Moral im Individuum kann dabei sehr unterschiedlich sein - sie wird aber sicher immer von einer Gruppe geteilt. Die Gefühle wie z.B. die Scham sind allerdings universell.




wer für alles offen ist, ist nicht mehr ganz dicht

Online Yossarian

  • Supermann
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 12.522
  • Geschlecht: Männlich
  • alter Sack
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #502 am: 17. September 2019, 21:22:18 »
"Gedanken und Gebete"

Atheisten würden sogar dafür zahlen, dass keiner betet.  :evil

Noch netter im Original:

The Value of Thoughts and Prayers
"I came to a point where I needed solitude and just stop the machine of thinking and enjoying what they call living, I just wanted to lie in the grass and look at the clouds."

— Jack Kerouac

Offline simplemachine

  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 887
  • Geschlecht: Männlich
Re: Thema Religion allgemein und Religion in der Familie...
« Antwort #503 am: 18. September 2019, 20:55:32 »
Atheisten würden sogar dafür zahlen, dass keiner betet.  :evil

Sieht nach der Grafik und der Erläuterung dazu ganz anders aus. Die Studienteilnehmer mussten nichts bezahlen, sondern hatten neben ihrer regulären Teilnahmevergütung noch ein einsetzbares Guthaben von 5 Dollar.

"Atheisten oder Agnostiker hingegen lehnten offenbar vor allem die Gebete Fremder ab: Sie wiesen ihnen einen Wert von umgerechnet rund minus 3,50 US-Dollar zu – das bedeutet, sie waren bereit, auf mehr als die Hälfte der ihnen zu Beginn des Experiments in Aussicht gestellten fünf Dollar zu verzichten."

Minus 3,50 Dollar von 5 heißt aber, dass hier immerhin ein Wert von 1,50 zugebilligt wurde. Und das nur für Gebete völlig fremder Personen. Gebete von Priestern waren ihnen hingegen immerhin 2,50 Dollar wert. Wenn die atheistischen Probanden allerdings die Hälfte ihres Guthabens für Gebete von Geistlichen aufbringen, dann können sie ja wohl nicht so atheistisch sein.