Autor Thema: Sprachverirrungen  (Gelesen 12364 mal)

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Offline Araxes

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #15 am: 18. Dezember 2014, 15:18:50 »
Das Naziwort "Gutmensch" trifft mich aber oft genug als Retourkutsche zu einzelnen Äußerungen. Auch von Leuten, die durchaus wissen, dass ich auch unmoralische Sachen mache.
Und wie genau kennst Du "das ganze Leben" von Claudia Roth?

Ich kenne das Leben von Claudia Roth nicht sehr genau, kann mir aber nicht vorstellen, daß sie am Ende noch dem Anspruch gerecht wird. Siehe meine Anmerkung oben zu den Jain. Und das ist für mich das Hauptproblem mit "Gutmenschen". Von anderen ständig Dinge verlangen, aber sich selber mit Ablaßhandlungen (Mülltrennung, Bio-Tomate, Fahrradfahren) für sündenfrei erklären.

Yossarian

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #16 am: 18. Dezember 2014, 15:26:40 »
Wieso ist "linkslastig" immer ein Grund, jemandem nicht zu glauben

Streich das "linkslastig" in dem Zitat und das Ergebnis bleibt das selbe. Manchmal sind das einfach nur unnütze Füllwörter, um die anvisierte Klientel für den eigenen Senf empfänglicher zu machen.

Kuck mal:

Nun ist Wikipedia nicht immer die zuverlässigste Quelle, und für die Behauptung, der Begriff "Gutmensch" sei von Gobbels zur Diffamierung der moralisch motivierten Gegner der NS-Rassenpolitik verwendet worden, wird von Wikipedia keine Primärquelle genannt, sondern lediglich der Text eines (...) Journalistenverbands angeführt, der die Behauptung ohne Angabe einer Fundstelle aufstellt

Besser?

Conte Palmieri

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #17 am: 18. Dezember 2014, 15:42:50 »
Ich kenne das Leben von Claudia Roth nicht sehr genau, kann mir aber nicht vorstellen, daß sie am Ende noch dem Anspruch gerecht wird. Siehe meine Anmerkung oben zu den Jain. Und das ist für mich das Hauptproblem mit "Gutmenschen". Von anderen ständig Dinge verlangen, aber sich selber mit Ablaßhandlungen (Mülltrennung, Bio-Tomate, Fahrradfahren) für sündenfrei erklären.
Die von den Nazis als Gutmenschen verhöhnten konnten ihren Ansprüchen schon dadurch gerecht werden, dass sie keine Juden ermordet haben.
Ich verstehe nicht, warum ihr Euch unbedingt in die sprachliche Nachbarschaft zu den Nazis stellen wollt, wenn Ihr doch alle so gut seid.

Offline Araxes

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #18 am: 18. Dezember 2014, 16:11:10 »
Meine Güte, ich bin ja durchaus dafür, Begriffe wie "Volksschädling", "entartet" oder "Endlösung" nicht zu benutzen, weil die von Nazis erfunden oder überfrachtet wurden.

Bei "Gutmensch" fehlt aber wirklich die Quellenlage. Dann dürfte man aber auch nicht mehr "Unmensch" sagen.

Ich kenne das Wort aber erst seit den Neunzigern. Ein bißchen googeln hilft dann auch. Laut der Gesellschaft für Deutsche Sprache gibt es das Wort erst seit den Achtzigern: http://gfds.de/gutmensch/

Zitat
Unser Erstbeleg zu Gutmensch stammt aus dem Jahr 1985: In der US-amerikanischen Zeitschrift Forbes wurde Gutmensch auf den damaligen Gewerkschaftsführer Franz Steinkühler (IG Metall) bezogen.

Das paßt auch irgendwie. In den Achtzigern mußte ja jeder und alles immer "Stellung beziehen". Jeder bekackte Popsong mußte eine gesellschaftsrkitische "Message" haben. Ich kann mir gut vorstellen, daß in dem Umfeld das Wort entstanden ist.

Es gibt aber noch ein paar schöne Synonyme: Betroffenheitshausierer, Rechtgläubiger, homo perfektus beneficiaris

Conte Palmieri

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #19 am: 18. Dezember 2014, 16:54:04 »
Ich kann mich erinnern, das Wort schon früher gehört zu haben.
Es wird ja auch heute wieder von Rechtsextremen gebraucht.

Offline Araxes

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #20 am: 18. Dezember 2014, 17:30:53 »
Bei denen ist man aber auch froh, wenn der Wortschatz mehr als 200 Wörter umfaßt.

Yossarian

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #21 am: 18. Dezember 2014, 17:39:06 »
Wieso ist "linkslastig" immer ein Grund, jemandem nicht zu glauben, während ich Leuten, die hartnäckig am Nazivokabular festhalten, vertrauen soll?

Wie kommst Du darauf?

Zitat
NEIN, ich vertraue nicht.

Sollst Du ja auch nicht.

Bei "Gutmensch" fehlt aber wirklich die Quellenlage.

In der Tat! Und ich benutze das Wort nicht anders, als in der bei Duden genannten Weise.

Die von den Nazis als Gutmenschen verhöhnten konnten ihren Ansprüchen schon dadurch gerecht werden, dass sie keine Juden ermordet haben.

Wenn das das (einzige) Kriterium ist, dann gibt es auf der Welt verdammt viele Gutmenschen.

Ich wüßte auf Anhieb aber auch eine ganze Menge anderer Drecksäcke, die nachweislich auch keine Juden ermordet haben. Sind die deshalb gleich "gut"?

Zitat
Ich verstehe nicht, warum ihr

Wer ist "Ihr"?

Zitat
Euch unbedingt in die sprachliche Nachbarschaft zu den Nazis stellen wollt, wenn Ihr doch alle so gut seid.

Ich habe niemals behauptet, "gut" zu sein.

Irgendwie ist das einfach nur ne fixe Idee von Dir mit den Gutmenschen. Manchmal leidest Du einfach gerne, stimmt´s?

Wer den Verweis auf verantwortungsvolles Verhalten mit einem Schimpfwort belegen möchte, dem vertraue ich nicht.

Gutmenschen verhalten sich nicht verantwortungsvoll; sie sind bigotte Arschlöcher, die in Frankfurt mit ihren Fahrrädern Fußgänger auf dem Bürgersteig überfahren und sich das rausnehmen dürfen, weil sie ja an anderer Stelle so "gut" sind.

Offline Araxes

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #22 am: 18. Dezember 2014, 17:46:49 »
Die von den Nazis als Gutmenschen verhöhnten konnten ihren Ansprüchen schon dadurch gerecht werden, dass sie keine Juden ermordet haben.

ja, nur, haben die das Wort wirklich benutzt?

Offline Küchenchef

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #23 am: 18. Dezember 2014, 17:47:07 »
Gutmenschen; sie sind bigotte Arschlöcher

Na dann haben wir es doch:

Gutmenschen = bigotte Arschlöcher
Neoliberale = asoziale Arschlöcher

Thema erledigt.
"Lieber Gutmensch als Arschloch" - Oliver Kalkofe

Offline Araxes

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #24 am: 18. Dezember 2014, 18:45:38 »
Ich glaube, "asozial" ist auch ein Nazi-Begriff  :P

Conte Palmieri

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #25 am: 19. Dezember 2014, 09:10:22 »
"Asoziale" werden acuh heute noch von Rechtsextremen zuweilen mit Benzim übergossen und angezündet. Das passt doch.

Offline Araxes

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #26 am: 10. Juni 2015, 12:45:44 »
Mach Dir keine Sorgen. Man kann verstehen, was Du schreibst. Du machst gar nicht mal so viele Fehler. Insgesamt schreibst Du auf heutigem Akademikerniveau.

Das spricht aber nicht für die Akademiker und da ist sicher noch Schlimmeres zu erwarten, wenn die Generation aus den Unis kommt, die in der Grundschule nach Gefühl schreiben durfte.

Zitat
Ich kann das beurteilen, denn es ist mein Job, schriftliche Beratungsanliegen von Menschen aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen zu beantworten. Es gibt Lehrer und Juristen in Deinem Alter, die nicht annähernd so gut schreiben wie Du.

Das ist einigermaßen schockierend. Ich kenne schlechte Rechtschreibung von Ingenieuren. Wobei die schon daran scheitern, einen Satz so zu beenden, daß das Ende zum Anfang paßt. Ich muß aber auch nur selten Pamphlete von Lehrern oder Juristen lesen.

Zitat
Verbessere ein wenig die Lesbarkeit Deiner Postings. Öfter mal einen Punkt, wenn der Gedanke zu Ende ist, und dann einen neuen Satz anfangen. Absätze in den Text einfügen. Orientiere Dich am Stil der Bildzeitung, wenn Du willst, daß man Dich schon beim ersten oberflächlichen Lesen versteht.

Das ist ja nun ein etwas gemeiner Rat, denn dazu muß er erst mal die Bild-Zeitung lesen.

Aber Spiegel Online glänzt auch immer mehr. Heute steht da "Auch Nichtkunden des Unternehmens sollen die neuen Hotspots nutzen dürfen, jedoch mit Einschränkungen". Was ist denn ein Nichtkunde? Das ist sprachliche Armut. Zu blöd, den Sachverhalt korrekt zu formulieren.

In Wikipedia bin ich gestern über "händisch" gestolpert. Das ist doch so ein Pseudo-Englisch. Dummerweise steht das sogar schon im Duden, aber der biedert sich auch nur noch an.
« Letzte Änderung: 10. Juni 2015, 12:47:32 von Araxes »

Offline Nikibo

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #27 am: 10. Juni 2015, 13:03:59 »
Dass manch einer sich noch schlechter schriftlich mitteilt, mag ja sein, aber doch nicht bei den Akademikern. Das kann ich mir nicht vorstellen, ich hab das Posting als Vernatzung empfunden.

Zu "händisch"
Kenne ich aus dem Baubereich aber schon so lange, wie ich dort tätig war.

Sprache lebt halt. Wenn alle sagen: "Peter sein Fahrrad", wird auch das irgendwann im Duden stehen.
Hat mal einer die Telefonnummer von Schneewittchens Stiefmutter? Ich brauche dringend ein paar Äpfel!

Offline Gianluca

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #28 am: 10. Juni 2015, 14:07:15 »
Ich kenne schlechte Rechtschreibung von Ingenieuren.
Ich auch, obwohl ich selbst zu dieser Berufsgattung gehoere. Was ich in unserem deutschen Buero(s) so zu lesen bekam, ging manches Mal nicht auf die beruehmte Kuhhaut.
Nun ist es aber in meinem Fachbereich auch so, dass es viele Ings gibt, die auf dem zweiten Bildungsweg - sprich nach Abschluss einer Lehre zum Fachgymnasium und danach zur FH - ihr Diplom gebaut haben. Moeglicherweise wird auf dem Fachgymnasium nicht allzu viel Wert auf Rechtschreibung gelegt.
Wenn wir schon bei Rechtschreibung sind, koennten wir den Bogen auch gleich in Richtung Allgemeinwissen von jungen Akademikern schlagen. Da sehe ich wenig Unterschiede, was die Luecken betrifft. Aber das ist ein anderes Thema.

Noch schlimmer war es in meinem ersten Job. Da hatte ich mir erlaubt die Berichtshefte unserer Auszubildenden durchzulesen und Rechtschreibfehler, auf einer Kopie, anzumerken. Am naechsten Tag rief mich voellig empoert ein Vater an und versuchte mich durchzubeleidigen, warum ich mir sowas erlauben wuerde. Auf meine Antwort, dass der Sohnemann so niemals in der Lage sein wird, eine fehlerfreie Bewerbung zu schreiben und somit in die naehere Auswahl fuer einen neuen Arbeitsplatz kommen wuerde, war erst betretendes Schweigen am anderen Ende der Leitung und dann wurde mir mitgeteilt, dass ein Heizungsmonteur doch wohl nicht unbedingt vernuenftig schreiben koennen muesse. Ich habe ihm in seinem Glauben gelassen. Was aus dem Sohn geworden ist, weiss ich nicht. Wege und Firmen haben sich getrennt.

Wir Braunschweiger sagen uebrigens: Peter saan Fahrad. Langes aa fuer ei. Schwaan = Schwein oder Schwan. Alles klar. Und stolpern uebern spitzen Staan. Mit nach und zu haben wir auch unsere Schwierigkeiten. Deshalb kommt manchmal soetwas wie "Muss noch nach Karstadt hin" heraus.

Hier in der Wueste ist die Projektsprache Englisch. Was sich die Briten, Amis und Australier an Endlossaetzen zusammen basteln, ist abenteuerlich. Am Ende des Satzes ist man(n) meistens verloren, weil der Anfang schon wieder aus dem Gehirn entschwunden ist.

Offline grashopper

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Re: Sprachverirrungen
« Antwort #29 am: 10. Juni 2015, 14:40:43 »
Dass manch einer sich noch schlechter schriftlich mitteilt, mag ja sein, aber doch nicht bei den Akademikern. Das kann ich mir nicht vorstellen, ich hab das Posting als Vernatzung empfunden.

Jetzt musste ich erst einmal nachschauen, was "Vernatzung" bedeutet  ;D Wieder etwas dazu gelernt  ;).

Hinsichtlich der Rechtschreibung von Akademikern muss ich Stachulus bestätigen.

Insbesondere in Bezug auf manche Nachwuchswissenschaftler.  Wenn ich da so die Schreibweise mancher Bewerber in den Anschreiben lese, bezweifle ich oft, ob ihnen wirklich an der ausgeschriebenen Stelle gelegen ist. Oder es einfach wirklich nicht können.

Gerade bei einer Bewerbung lasse ich doch bei eigener Unsicherheit mal einen Fachkundigen prüfen, ob Wortwahl, Schreibweise und Setzen der Kommata soweit korrekt sind.

Aber es wird natürlich auch an der unsinnigen "Neuen Rechtschreibung" liegen.

Wozu sollte das gut sein? Der Nachwuchs, welcher schon in der Schule damit konfrontiert wurde, wird Schwierigkeiten beim Lesen der Schreibweise von uns Älteren haben (oder uns für dumm halten...). Das Risiko besteht umgekehrt auch.

Ich selbst (auch nicht mehr so sicher wie annodunnemals, da ja nach offizieller Einführung die NDR dienstlich vorgegeben wurde) bin manchmal arg genervt, wenn ich mir Sätze mindestens zum zweiten Mal durchlesen muss, um den Sinn der Aussage zu verstehen. 

Anlass sind eben oft die fehlenden Satzzeichen.

Mattieu hatte hier mal diesen altbekannten und sarkastischen Satz zitiert von wegen:

"Komm, wir essen, Opa!"

oder

"Komm, wir essen Opa!"


Mit anschließendem witzigen Fazit, dass Satzzeichen Leben retten können.

 ;D


PS: "händisch"  oder "händig" gibt es meiner Kenntnis nach schon lange Zeit. 
Insbesondere im Bereich des Handwerks statt "manuell".

"draußen nur Kännchen" - Bodo